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  • Peter

Zimmer frei! Über Insektenhäuser oder „Bienenhotels“

Aktualisiert: 3. Okt 2020

Insektenhäuser oder „Bienenhotels“ sind in den vergangenen Jahren schwer in Mode gekommen. Angesichts des erschreckenden Insektensterbens kann das nur gut und richtig sein. Allerdings muss man beim Kauf oder Bau einer Insektenunterkunft einiges beachten…

Seit einer alarmierenden Studie von 2017 wissen wir, dass sich die Insektenbestände in Deutschland um rund drei Viertel reduziert haben. Dies ist nicht nur aus ökologischer Sicht katastrophal, Insekten sind auch für unsere Ernährung von zentraler Bedeutung. (Wer mehr über das Thema erfahren möchte: neben unendlich vielen Fachbeiträgen und Presseartikeln im Netz kann man sich auf www.boell.de zum Beispiel kostenlos den „Insektenatlas“ herunterladen - sehr interessant und ergiebig.)


Insofern finde ich es toll, wenn jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten Insekten Lebensraum und Nahrung auf dem Balkon oder im Garten bietet. Vor allem so genannte Bienenhotels sind mittlerweile Verkaufsschlager. Leider aber sind die meisten Modelle aus dem Internet oder Baumärkten Modelle nicht zielführend oder besser gesagt: nutzlos.


Ich hatte diesen Sommer die Absicht, mit den Kindern ein Insektenhaus zu bauen und habe mich daher tiefer in das Thema eingelesen. Das Ergebnis: Insekten - zum Beispiel Bienen, Schmetterlinge und Hummeln - haben recht spezifische und individuelle Anforderungen an ihre Behausungen bzw. Nistplätze. Die Flügel sind sehr empfindlich und können schnell Schaden nehmen, zum Beispiel durch splittriges Holz. Somit wurde die Angelegenheit deutlich komplizierter als zunächst angenommen, sie geriet zu einem mehrwöchigen Projekt, bei dem am Ende eine regelrechte Multifunktionsarena herauskam. Ob das Insektenhaus angenommen wird, weiß ich kommendes Frühjahr, es steht erst seit September.


Meine Tipps für Euer Insektenhaus

  • Bei den meisten Modellen im Handel wie z.B. Baumärkten wurde in das Stirnholz gebohrt; dort können sich Risse bilden, die einerseits die Flügel der Insekten gefährden und in denen sich andererseits Sporen ansetzen können, die schädlich für Insekten sind. Insofern: besser Finger davon.

  • Holt Euch Ratschläge und Tipps bei den Profis, zum Beispiel beim Nabu, der Naturgartenfreude (etwas veraltet und ein wenig schrullig, aber informativ und mit Herz) oder auch "Mein schöner Garten". Investiert lieber in schlicht und richtig als in schick und falsch: besser ein gegen die Faser ordentlich gebohrtes Kantholz vom richtigen Baum vom Fachhandel als ein schnuckelig aussehendes, aber im Grunde unnützes “Hotel“ aus dem Baumarkt.

Sicherlich kann man es auch übertreiben mit der Genauigkeit - in der freien Wildbahn kommen Insekten ja auch irgendwie klar; aber ein paar Begebenheiten sollten man wohl beachten, so mein Eindruck. Ich habe mein Wissen auch nur von anderen geklaut, und an unserem Insektenhaus gibt es wahrscheinlich ebenfalls etwas auszusetzen, aber folgende Hinweise für einen Bau erlaube ich mir:

  • Wenn man nicht über Profi-Werkzeug verfügt, macht es keinen Sinn, das Holz selbst bohren zu wollen. Es muss geeignetes Hartholz bestimmter Sorten sein, und die Bohrlöcher müssen blitzblank sein, sonst können sich die Insekten wie gesagt die Flügel einreißen. Kauft lieber professionell gebohrtes Hartholz im Fachhandel, zum Beispiel beim Naturschutzcenter Dergleichen gilt für das Schneiden von Schilf und / oder Papierröhrchen. Das Ganze kostet ein paar Euro, aber dafür funktioniert es.

  • Viele Features in den handelsüblichen Insektenhotels wie zum Beispiel Klinkersteine oder Tannenzapfen sind weitestgehend überflüssig - ebenso wie die meisten Schmetterlingsunterschlupfe (so zumindest die einhellige Expertenmeinung im Netz). Wir haben zwar jetzt auch Weidenzweige, Holzspäne und Zapfen in unserem Insektenhaus, das aber nur, weil ich die zehn Etagen irgendwie befüllen musste.

  • Der richtige Standort ist wichtig: sonnig, aber nicht zu heiß, kein Regen, nicht zu windig usw. Das ist häufig gar nicht möglich. Wir haben jetzt einen Platz, der im Sommer vormittags leichten Schatten und ab ca. späten Mittag bis abends Sonne hat - aber natürlich auch Regen, gegen den ich zusätzlich zum „Hauptdach“ noch kleine Vordächer angebracht habe.

  • Blumen: Ihr solltet rund um Euer Insektenhotel Nahrung bieten, also entsprechende Blühpflanzen anlegen. Auch hier gibt es unzählige Tipps im Netz. Ich lege jetzt im Herbst rund um das Insektenhaus eine Blühwiese aus Stauden und Zwiebeln an, was leider nicht ganz einfach wird, da es sich um eine Sonnen-, Halbschatten-, Schatten-Zone mit eher kargem Boden handelt. Ich werde dazu erstmals umfangreich Pflanzen im Netz bestellen, die Baumschule Horstmann hat auf ihrer Internetseite sehr detaillierte Filtereinstellungen und sogar eine Art Konfigurator. Auch zum Erfolg dieses Projektes kann und werde ich kommendes Frühjahr berichten.

Meine Tipps für Euer Insektenhaus

Hier die Zutaten zum und Erfahrungen aus dem Bau unserer „Multifunktions-Arena“:

  • Zehn Halbpalletten gebraucht als Gerüst; wir haben dann jeweils zwei Palletten als Doppeletage montiert, womit wir am Ende fünf Module hatten. Ich kann das Insektenhaus somit immer wieder leicht auseinanderbauen - zum Beispiel zum Reinigen oder für Änderungsarbeiten.

  • Latten, Leisten, Blenden etc., um das splittrige Palletten-Holz abzudecken; ich habe hier überwiegend alte Bestände verbaut, weshalb unser Haus ein wenig nach Villa Kunterbunt aussieht.

  • Die Hartholz-Kanthölzer haben wir wie gesagt fertig gebohrt gekauft, ebenso Schilf und Papierröllchen; für die Papierröllchen habe ich kleine Holzkisten organisiert, Blechdosen tun es auch.

  • Alle Schnitt- / Sägeflächen kurz schleifen wg. Splittern.

  • Kükendraht gegen gefräßige Vögel.

  • Rückseitig unten haben wir einen Igelbau nebst Futterstelle eingebaut, es ist neulich bereits ein Igel eingezogen; ebenso weiter oben Rinnen für Nüsse für Eichhörnchen und Futter für kleine Vögel wie Meisen - das ist natürlich optional; ebenso optional: Blumentrog auf dem Dach des Insektenhauses sowie Efeu an den Ecken.

  • Als Regenschutz habe ich für das Dach seitlich sowie für eine weitere Abschirmung an der Front Plexiglas verwendet, um nicht zu viel Licht zu nehmen.

Bilder und Videos

Ich muss zugeben: unser Insektenhaus war eine Riesenaufwand und hat am Ende auch einiges gekostet. Aber der Bau war auch Hobby, Freizeitbeschäftigung und Familien-Ereignis - und ich habe viel gelernt. Es geht natürlich auch sehr viel einfacher, aber ebenso effektiv. Ich habe nicht alle Nistlöcher gezählt - aber es dürften ein paar hundert sein. Mal schauen, wie die Nachbarn das finden, das Insektenhaus steht nämlich an der Grundstücksgrenze. Ob es angenommen wird, wird sich kommendes Frühjahr zeigen - ich werde berichten…


Kurzum: informiert Euch, geht zweckmäßig vor. Nehmt nicht jedes vermeintlich gängige Bienenhotel aus dem Baumarkt etc., auch wenn es dekorativ für Garten, Terrasse und / oder Balkon erscheinen mag. Die Dinger sind vielleicht hübsch und mögen das Gewissen beruhigen, aber Insekten siedeln sich da nicht an. Kauft lieber ein ordentlich gebohrtes Stück Eiche (ab 20€) - auch, wenn es nicht so adrett aussieht, aber es kann Bienen & Co. wirklich helfen. Pflanzt oder stellt ein paar insektenfreundlich Blümchen drumherum und fertig. Ich denke, wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, können wir was bewirken.

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